In vielen Situationen würde jeder wohl gerne einmal Mäuschen spielen. Je öfter ich Leute im virtuellen (t)Raum treffe, desto öfter stellt sich mir die Frage, wer eigentlich mehr er/sie selbst ist, die Zeilen vor mir oder der Mensch dahinter? Müsste ich für diese Leute antworten, würde ich sage: ich weiß es nicht. Natürlich gibt es hin und wieder Treffen in der richtigen Welt. Gerade bei gemeinsamen Hobbys bietet der Chat praktische Möglichkeiten sich gegenseitig zu helfen. Da ist die Aufmerksamkeit aber nicht so stark auf die Person gerichtet, sondern man versteht und verständigt sich über ein Thema.
Tritt man in privateren Kontakt ein, heißt es schnell: Das ist meine Facebookseite, jetzt kennst du mich! Ich glaube aber, dass viele Leute, die ich im Chat kennen gelernt habe, ein Social Network nutzen, wie die Speicherfunktion in einem Computerspiel. Keiner würde aber ein Spiel ohne dieses Feature haben wollen.
In einem Hannover Hotel habe ich einmal zufällig ein Mädchen getroffen und wir haben uns über einen Film unterhalten. Als ich danach irgendwann zu Hause war, bin ich auf die Webseiten gegangen, die auch sie besucht. Ich war überrascht und sah sie in einem neuen Licht, nachdem ich die Hintergrundinfos zu meiner Erinnerung packte. Ich weiß nicht, ob diese Erinnerung anders aussähe, hätte ich die Angaben damals schon gehabt, und ob das gut oder schlecht ist für die Erinnerung.
Ein anderes Mal saß ich in Bad Liebenstein am Bahnhof, vor mir lehnte sich ein junger Mann an die Strebe des Fahrplanschildes. Ich habe sofort erkannt, dass das eine (entfernte) Chatbekanntschaft war. Angesprochen hab ich ihn aber trotzdem nicht. Ich war einfach zu perplex, das sein Gesichtsausdruck genau zu dem Hemd passte, das er in derselben Pose, in der gleichen Farbe auf Facebook trug. Jetzt könnte ich schwören seinen Gesichtausdruck von hinten am Hemd zu erkennen, wenn ich ihn jemals wieder sehen sollte.